Die atmende Fensterbank: Terrakotta-Kühlbank mit Kapillarbewässerung für angenehmere Sommer in der Wohnung

Hitzewellen in der Stadtwohnung – aber keine Chance für außenliegende Markisen oder teure Klimageräte? Eine kaum beachtete Lösung kommt aus der Keramikwerkstatt: poröse Terrakotta-Fensterbänke, die über Kapillardocht und Verdunstung gezielt kühlen, Pflanzen automatisch bewässern und mit einem leisen Mikro-Luftstrom die Raumluft sanft temperieren. Wie funktioniert das – und lässt sich so etwas im Bestand nachrüsten?

Was ist eine kapillar-aktive Terrakotta-Fensterbank?

Es handelt sich um eine massive, offenporige Terrakotta-Platte (20–35 mm), die wie eine klassische Fensterbank aufliegt. Ein darunterliegendes Wasserreservoir speist über Dochte die Poren. Das Wasser verteilt sich kapillar, verdunstet an der Oberfläche und entzieht der Umgebung Verdunstungswärme – die Oberflächentemperatur sinkt fühlbar. Optional sorgt ein sehr leiser 5-V-Mikrolüfter oder die natürliche Thermik am Fenster für Luftaustausch.

Aufbau des Systems

  • Deckplatte: offenporöse Terrakotta 30 mm, Kapillarporen 20–80 µm, Kanten gefast
  • Kapillar-Dochte: Zellulose- oder Glasfaserband, Breite 10–20 mm, austauschbar
  • Wasserkanal: 1–2 l Reservoir in einer Multiplex- oder Aluminiumwanne, mit Füllstandsfenster
  • Pflanzenwanne: eingelegte Kräuter- oder Sukkulentenschalen, passiv mitbewässert
  • Option Mikro-Luftstrom: 5 V USB-Lüfter (0,5–1,2 W) in einer schmalen Rückwand-Lamelle
  • Sensorik (optional): kombinierter Temp-/Feuchtesensor, per WLAN oder Matter integrierbar

Warum kühlt Verdunstung so effektiv?

Bei der Verdunstung von 1 kg Wasser werden etwa 2 450 kJ (= ca. 0,68 kWh) Wärme entzogen. Eine Fensterbank, die 0,5–1,0 l pro Tag verdunsten lässt, erzeugt rechnerisch 0,34–0,68 kWh Kälte. In Wohnräumen resultiert das typischerweise in 2–4 K geringerer gefühlter Temperatur im Fensterbereich – besonders wirksam in trockenen, überhitzten Räumen am Nachmittag.

Vorteile auf einen Blick

Vorteil Beschreibung Praxisnutzen
Passive Kühlung Natürliche Verdunstung ohne Kältemittel Weniger Hitzestau, angenehmeres Sitzen am Fenster
Pflanzenfreundlich Automatische Kapillarbewässerung Weniger Gießaufwand, vitalere Kräuter im Sommer
Niedrige Betriebskosten Optionaler Lüfter 0,5–1,2 W Stromkosten nur wenige Cent/Monat
Gestaltung Warme Haptik, mediterrane Optik Akzent für Salon, Küche oder Homeoffice
Nachrüstbar Auflage oder freistehendes Konsolenregal Mietwohnungstauglich, rückbaubar

Fallstudie: Südfenster im Altbau (Berlin, 18 m² Wohnzimmer)

  • Setup: 110 × 28 × 3 cm Terrakotta, 1,5 l Reservoir, 0,8 W-Lüfter, 2 Kräuterschalen
  • Sommermessung (Juli): Außentemp. 31–34 °C, rF 35–45 %
  • Ergebnis:
    • Temperatur in Sitznische am Fenster: –2,6 K gegenüber Referenzbank aus Holz
    • Raumluftfeuchte: Anstieg von 36 % auf 44–48 % rF (Komfortzone)
    • Wasserverbrauch: 0,7–0,9 l/Tag
    • Stromverbrauch Lüfter: 0,02 kWh/Tag (ca. 0,01 €)

DIY-Montage: Schritt für Schritt

Materialliste

  1. Terrakotta-Platte 30 mm, offenporig, z. B. 100–120 cm Länge
  2. Reservoirwanne (Multiplex mit PU-Lack oder pulverbeschichtetes Alu)
  3. Kapillar-Dochtbänder (Zellulose/Glasfaser), 4–6 Stück à 30 cm
  4. 5 V USB-Mikrolüfter 80–120 mm (optional) + USB-Netzteil
  5. 2–4 Pflanzen-Inlays mit Drainagelöchern
  6. Filz- oder Kork-Pads als Entkopplung zum Fensterrahmen
  7. pH-neutrales Silikon, feuchtraumtauglich

Montage

  1. Fensternische ausmessen, Untergrund reinigen, Unebenheiten ausgleichen.
  2. Reservoirwanne einpassen, vorn ein kleines Sichtfenster (Bohrung mit Acryl) für Füllstand vorsehen.
  3. Dochte von der Wanne durch Schlitzöffnungen an die Oberseite führen; Enden fächerförmig auslegen.
  4. Terrakotta-Platte auflegen, mit Silikonpunkte gegen Verrutschen sichern; Filz-Pads zum Rahmen entkoppeln.
  5. Lüfter in einer rückseitigen Lamelle oder seitlich integrieren; USB-Kabel verdeckt führen.
  6. Pflanzen-Inlays einsetzen, Reservoir mit 1–1,5 l Wasser füllen, 24 h kapillar anfeuchten lassen.

Bauzeit: ca. 90 Minuten. Kosten grob: 160–260 € (Größe und Ausführung abhängig).

Betrieb, Pflege und Hygiene

  • Wasserwechsel: alle 5–7 Tage (Sommer), um Biofilm zu vermeiden.
  • Entkalkung: bei hartem Wasser alle 6–8 Wochen mit 5 % Zitronensäure, gründlich nachspülen.
  • Winterbetrieb: Wasserstand reduzieren oder pausieren; Terrakotta bleibt als warme Ablage nutzbar.
  • Geruchsfreiheit: keine Duftzusätze; lieber frisches Wasser und Schatten für das Reservoir.

Smart-Home-Integration (optional)

  • Feuchte-Automation: Lüfter einschalten, wenn rF > 60 % (Bad) oder < 40 % (Wohnzimmer), Ziel 45–55 %.
  • Sonnensensor: Bei starker Einstrahlung Lüfter auf 50–70 % PWM – mehr Luft = mehr Kühlung.
  • Wasser-Alarm: kleiner Schwimmerschalter meldet „leer“ an Smartphone.
  • PV-USB: Betrieb des Lüfters direkt über kleines Solarpanel am Fenster möglich.

Einbauvarianten

  • Mietwohnung: Freistehendes Konsolenregal in die Laibung, komplett rückbaubar.
  • Altbau mit breiter Nische: Maßplatte mit integrierter Kräuterschiene für Küche & Essplatz.
  • Homeoffice: Schmale Platte (20 cm) neben Monitor – kühler Kopf in der Arbeitsecke.
  • Kinderzimmer: Sukkulenten statt Wasserbecken in Griffhöhe; Reservoir kindersicher abdecken.

Pro / Contra kurzgefasst

Aspekt Pro Contra
Kühlwirkung Spürbar am Fensterplatz, leise Wirkt weniger bei sehr hoher Luftfeuchte
Aufwand Einfache DIY-Montage Regelmäßiger Wasserwechsel nötig
Design Natürliche Textur, warmes Material Wasserflecken möglich ohne Pflege
Kosten Niedriger Betrieb, keine Kältemittel Maßanfertigung kann teurer sein

Nachhaltigkeit & Gesundheit

  • Material: Ton, Wasser, Holz – weitgehend recycelbar, frei von Kältemitteln.
  • Innenraumklima: Zielbereich 40–60 % rF reduziert trockene Schleimhäute und Staub.
  • Lokale Fertigung: Keramik aus regionalen Werkstätten verringert Transportemissionen.

Kosten & Dimensionierung

Für ein 12–16 m² Zimmer reicht meist eine 100–120 cm breite Platte mit 0,5–1,5 l/Tag Verdunstung. Richtwerte (DIY):

  • Terrakotta maßgefertigt: 90–160 €
  • Reservoir & Holz/Alu-Träger: 40–80 €
  • Lüfter & Sensorik (optional): 15–45 €

Häufige Fehler und wie man sie vermeidet

  • Zu dichte Glasur: Keine oder nur punktuelle Glasur verwenden, sonst keine Verdunstung.
  • Dauer-Nässe an Silikonnähten: Kapillarbrücken verhindern, Fugen regelmäßig prüfen.
  • Hartes Wasser ungefiltert: Kalkflecken – mit gefiltertem Wasser reduzieren.

Stil und Materialkombinationen

  • Skandinavisch: Terrakotta natur + geölte Eiche + Leinenvorhang.
  • Minimalistisch: Feinschliff, Kantenradien 2 mm, Alu-Konsole in Mattweiß.
  • Mediterran: Handgeformte Kanten, Olivenkräuter, Terrakotta-Töpfe als Deko.

Zukunft: Keramik mit PCM & 3D-Druck

  • Phase-Change-Material (PCM) in Poren speichert Kälte nachts, gibt sie tagsüber ab.
  • 3D-gedruckte Keramikkanäle optimieren Luftstrom und Kapillarnetze.
  • Antimikrobielle Oberflächen durch mineralische Beschichtungen für weniger Biofilm.

Fazit: Kleine Fläche, große Wirkung

Die kapillar-aktive Terrakotta-Fensterbank verbindet passive Kühlung, Pflanzenpflege und wohnliches Design – gerade in Bestandswohnungen eine clevere Alternative zur Klimaanlage. Wer starten will, misst die Nische, wählt eine 100–120 cm Platte, setzt 4–6 Dochte und testet eine Woche lang den Wasserbedarf. So entsteht eine spürbar kühlere Sitznische mit minimaler Technik und maximaler Wohnlichkeit.

CTA: Prototyp in klein bauen: 60 cm Testmodul mit 0,5 l Reservoir – Wirkung prüfen, dann in voller Breite umsetzen.

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